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Artikel 66 für Ausgabe 20/2011 der Kahlaer Nachrichten - Die Ausgrabungsstätte „Steinrinne Bilzingsleben“:

Es gleicht fast einem Wunder, was Archäologen in der leicht hügeligen Ebene zwischen der Hainleite und dem Kyffhäusergebirge
Blick auf Bilzingsleben
in einem Steinbruch entdeckten - eine frühmenschliche Besiedlungsstätte des homo erectus. Die modernen Forschungen ergaben ein Alter von etwa 370 000 Jahren. Damals herrschte das Klima des heutigen Afrika.
In einem flachen Becken des Wippertales entstanden aus Kalkausscheidungen so genannte Travertine. Diese Kalkablagerungen konservierten im Laufe der Zeit die nun wieder freigelegten Funde.
Da die Travertine hart und widerstandsfähig waren, wurden sie seit Jahrhunderten in den umliegenden Orten als Baumaterial genutzt. Etwa 40 000 Kubikmeter wurden allein im Bilzingslebener Steinbruch abgebaut.
Ausgrabungsstätte Bilzingsleben
So blieb es nicht aus, dass schon im Jahre 1710 bei den Abbrucharbeiten erste fossile Knochen gefunden und als „Zeugen der Sündfluth“ gedeutet wurden.
1818 schrieb Freiherr Friedrich von Schlotheim in „Leonhards mineralisches Tagebuch“ von einem menschlichen mit Kalk überzogenen Schädelfund. Er wurde aber leider bis heute nicht wieder aufgefunden.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde von weiteren Archäologen und Wissenschaftlern eine Reihe von Fossilien und Werkzeugen freigelegt und diese fälschlicherweise dem Eiszeitalter zugeordnet.
Erst im Jahre 1969 wurden durch Prof. Mania von der FSU Jena größere Mengen Fossilien und Artefakte in einer weiteren großen Travertinplatte entdeckt. Nun begannen wissenschaftlich fundierte archälologische Forschungsgrabungen im Steinbruch. So konnte man schon zwei Jahre später den Rest eines fossilen Menschen bergen und deuten.
In den allgemein zugänglichen Unterlagen der Ausgrabungsstätte ist zu lesen, dass seither „37 Reste eines Menschen, mehr als 140 000 Feuersteinartefakte, Tausende anderer Geräte aus Stein, Knochen, Geweih, Elfenbein und Holz sowie mehrere Tonnen an faunistischem und botanischem Material“ gefunden wurden.
Aus all diesen Fundstücken können die Wissenschaftler mit ziemlicher Genauigkeit die Lebensweise dieser frühen Menschen rekonstruieren. Der Urmensch von Bilzingsleben jagte Waldelefanten, Löwen, Damhirsche, Biber und Nashörner, wie sie heute in der Serengeti von Afrika existieren.
Knochenfunde Bilzingsleben
In der Steinrinne wurde u. a. ein 3,5 m großer Elefantenstoßzahn gefunden.
Erstaunlich sind die gefundenen Artefakte (vom Menschen bearbeitet) aus organischem Material. Diese Geräte, vor allem aus Knochen, erreichen eine Länge von bis zu 73 cm. Aus Geweih wurden z. B. Hacken und aus Elfenbein Spitzen hergestellt.
Gravuren in einem Knochen, die keinesfalls durch Nutzung als Arbeitsgerät entstanden sein können, deuten die Wissenschaftler als erste nachgewiesene Äußerung menschlicher Gedanken. Da es sich um 28 Kerbungen handelt - vielleicht zur Zählung der Mondumlaufzeit.
Gravur in Knochen Bilzingsleben

Alle Funde sprechen für schon höhere geistige Fähigkeiten
„Insgesamt erscheint uns der homo erectus vor fast 400 000 Jahren als ein zu Geist und Kultur fähiges menschliches Wesen mit einer selbst geschaffenen soziokulturellen Umwelt, bestehend aus Wohnbauten, Feuernutzung und speziellen Aktivitätsbereichen. Wir stellen ihn uns vor als einen aktiven Jäger, fähig zum abstrakten Denken und mit einer bereits ausgebildeten Sprache“
(aus Geistige Welt des Urmenschen - Ausstellungshalle Bilzingsleben)
„Gedrungene, kräftige, aufrecht gehende Menschen - der homo erectus - jagten, lebten und starben hier. … Werkzeuge aus Knochen und Stein sowie Hinweise auf die Verwendung von Feuer berichten vom Leben dieser frühen Menschen“
(Material der Ausgrabungsstätte)
Mutmaßliches Menschenbild Bilzingsleben
Heute gilt das Thüringer Bilzingsleben als älteste und wichtigste altpaläolithische Fundstelle Europas und ist ein Kulturerbe von Weltrang. Wissenschaftler aus vielen Ländern Europas, aber auch Spezialisten aus Amerika, Asien und Australien arbeiten weiter gemeinsam in einem Forschungsteam.
Hauptfundstelle Bilzingsleben
Die Ausgrabungsstätte ist in den letzen Jahren freigegeben worden und wurde wegen ihrer immensen Bedeutung überdacht und gesichert. Sie wird momentan nur museal genutzt, wobei weitere Grabungen in Aussicht gestellt wurden.
Besucher dieses äußerst interessanten Museums können einen Teil der Grabungsfläche nunmehr besichtigen, sich diverse Videos ansehen und ausgegrabene Fossilien in Schauvitrinen betrachten. Viele detaillierte Beschreibungen zu den Ausstellungsstücken bringen den Besuchern die damalige Zeit etwas näher.
Geöffnet ist die Anlage von April bis Oktober Dienstags bis Sonntags jeweils 10 bis 16 Uhr.
Ausgrabungsstätte Beschilderung
Erreichbar ist Bilzingsleben am schnellsten über die A4 und A71 Abfahrt Sömmerda, weiter Richtung Bad Frankenhausen, nach der Ortsdurchfahrt Kindelbrück links abbiegen.
In Bilzingsleben der guten Beschilderung folgen.

Heinz Arlitt
Heimatgesellschaft

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